[Soziale Arbeit ist wertvoll]

Die Inklusion von Menschen mit Behinderung steht in vielen Arbeitsbereichen der Behindertenhilfe im Vordergrund

Sozial Arbeit ist wertvollSelbstbestimmt leben (Foto: WG Diakonie Stetten)

WOHNEN
Christine Fritzenwanker ist glücklich: Mit der passenden Unterstützung kann sie trotz ihrer Behinderung weitgehend selbstständig leben. Ambulant betreutes Wohnen macht es möglich. Die Diakonie Stetten konnte in einer Wohnanlage drei Wohnungen mieten, in die insgesamt acht Klientinnen und Klienten einziehen konnten. Die 65-jährige Christine Fritzenwanker hatte vor ihrer schweren Erkrankung ein normales Familienleben geführt. Jetzt braucht die dreifache Mutter Unterstützung, auch weil ihr Kurzzeitgedächtnis sie oft im Stich lässt. Beim Einkaufen, dem Verwalten ihres Gelds oder der Erledigung des Haushalts bekommt sie Unterstützung mit dem Ziel, mehr und mehr selbstständig tun zu können. Mit ihrer Mitbewohnerin klappt es in der Drei-Zimmer-Wohnung gut. Sie unternehmen auch mal etwas mit den Bewohnern der anderen Wohngemeinschaften im Haus oder spielen mit den Betreuern Karten. „Das war genau die richtige Entscheidung, ich fühle mich hier sauwohl“, ist Fritzenwankers Fazit nach vier Monaten. Die Familie ist auch erleichtert, dass mit dem ambulant betreuten Wohnen eine Alternative zum Leben im Pflegeheim möglich ist und Selbstständigkeit und Aktivierung gefördert werden.

ARBEIT
Ausbildung zum Alltagsbegleiter
Auch Menschen mit einer Beeinträchtigung sollen ihren Ausbildungs- und Arbeitsplatz aus einem größeren Spektrum an Möglichkeiten auswählen können. David Hochrathner hat nach Praktika in verschiedenen Bereichen die Arbeit mit älteren Menschen gewählt. Der von der Karlshöhe Ludwigsburg betreute junge Mann macht jetzt eine zweijährige Ausbildung zum Alltagsbegleiter. Seine Aufgabe ist es, Bewohnerinnen und Bewohner eines Pflegeheims zu aktivieren. Mit einem Wagen voller Utensilien ist er auf den Stockwerken unterwegs. Gerade wirft er einer alten Dame ein Kissen mit Kirschkernen zu, die es prompt auffängt und zurückwirft. Er lobt sie und erklärt, dass er damit Bewegung und Koordination aktiviert. Klangschalen oder ein Memory verwendet er ebenfalls gerne. Auch ist Hochrathner gefragter Gesprächspartner und Begleiter für kurze Spaziergänge. „Gerade jetzt, wo wenige Besucher kommen dürfen , bin ich sehr wichtig für die alten Menschen“, sagt er. Der Heimleiter ist froh, ihn im Team zu haben. Möglich machten die Ausbildung eine Kooperation des Pflegeheims mit der Einrichtung, die David Hochrathner begleitet.

Sozial Arbeit ist wertvollNeue Ausbildung in E-Commerce (Foto: E-Commerce)

Die zunehmende Digitalisierung erfordert neue Berufsbilder. Damit Kunden Informationen zu bestellbaren Produkten und Dienstleistungen im Internet finden, müssen diese eingepflegt werden. Das Berufsbildungswerk Waiblingen bildet seit Herbst vergangenen Jahres Kaufleute im E-Commerce aus. Sven ist einer der Auszubildenden und freut sich darauf, künftig in einem Unternehmen an der Schnittstelle zwischen Einkauf, Werbung, Logistik, Buchhaltung und IT arbeiten zu können. Mit den anderen zusammen hat er für seine Kollegen, die Azubis zu Kaufleuten im Büromanagement, für deren Übungsfirma einen Online-Shop erstellt, auch in englischer Sprache.
Freizeit

Sozial Arbeit ist wertvollInklusives Theater (Foto: Inklusive Theatergruppe)

Offene Hilfen bieten Menschen mit Behinderung Betreuung, wenn Angehörige Zeit für sich brauchen, und Angebote zur Freizeitgestaltung. Ein inklusives Theaterprojekt haben die Offenen Hilfen der Diakonie Stetten und das Junge Ensemble Stuttgart organisiert. Zwölf Kinder mit und ohne Behinderung zwischen neun und 15 Jahren waren mit Eifer dabei. Unter Anleitung eines Theaterpädagogen und einer Heilerziehungspflegerin haben die Kinder das Stück zum Thema Familie selbst entwickelt. Anhand mitgebrachter Gegenstände brachten die Kinder aus unterschiedlichen Kulturkreisen ihre Erfahrungen und Ideen ein. Das Eis war schnell gebrochen: Die Gruppe ist zusammengewachsen, alle hatten Spaß und profitierten voneinander. Die Waldorfschülerin Trinidad liebt das Theaterspielen, hatte zuvor aber keinen Kontakt zu Menschen mit Behinderung: „Am Anfang musste man sich schon kurz dran gewöhnen, aber jetzt finde ich es toll. Es ist ganz normal.“ Der neunjährige Jonas hat auch Spaß. „Das Theaterspielen mit den anderen Kindern steigert sein Selbstwertgefühl und er kommt immer ganz glücklich hier raus“, freut sich seine Mutter.

Personenzentriert arbeiten
„Menschen, die Einschränkungen haben, sind an erster Stelle immer Menschen mit Wünschen, Fähigkeiten und Bedürfnissen und nicht `Behinderte´.“ David Bisco, Gruppenleiter der Remstal Werkstätten der Diakonie Stetten, sucht im Arbeitsalltag das Gespräch mit den Beschäftigten. Er hört zu, um das Wahrgenommene in den „zwar strengen, aber flexibel strukturierten Tagesplan“ einfließen zu lassen. Gemeinsam nach Lösungen zu suchen, zu planen und Fähigkeiten zu fördern, ist für ihn personenzentriertes Arbeiten.

Behindertenhilfe braucht dringend eine Aufwertung

Die Pflege hat es geschafft, auf der Agenda der Politik und in der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit und Wertschätzung angekommen zu sein. Diese Beachtung steht für die Hilfe für Menschen mit Behinderung noch aus. Die Bedeutung, der gesellschaftliche Nutzen, die Fachkompetenz und Vielfalt in der Hilfe für Menschen mit Behinderungen sind oft nicht im Blick. Gerade auch während der Corona-Pandemie wurde dieses Arbeitsfeld von der Politik nicht explizit mitbedacht.

Und doch gibt es Hoffnung: Grundlage für eine Aufwertung der Behindertenhilfe könnten Ergebnisse der 97. Konferenz der Ministerinnen und Minister, Senatorinnen und Senatoren für Arbeit und Soziales der Länder vom 26. November 2020 unter Vorsitz des Landes Baden-Württemberg sein: „Die Ministerinnen und Minister, Senatorinnen und Senatoren für Arbeit und Soziales der Länder unterstreichen abermals und ausdrücklich, dass die Pflege und die Eingliederungshilfe nicht erst seit dem pandemischen Geschehen in Bezug auf das Coronavirus SARS-CoV-2 von gesamtgesellschaftlicher Tragweite und Bedeutung sind. … Eine Gesellschaft ohne funktionierende Pflege und Eingliederungshilfe würde über kurz oder lang stillstehen. Es lässt sich infolgedessen mit aller Deutlichkeit festhalten: Sowohl die Pflege von pflegebedürftigen Menschen als auch Leistungen der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen sind ohne jeden Zweifel und ausnahmslos systemrelevant.“ In beiden Bereichen sei auch eine dauerhaft angemessene Entlohnung der Arbeitskräfte anzustreben.

Die Unterstützung von Menschen mit Behinderung ist für die Gesellschaft und besonders für die Betroffenen von hohem Wert. Familien werden in der Pflege und Betreuung entlastet, ihre Angehörigen professionell unterstützt und gefördert. Ausbildung in Berufsbildungswerken, Arbeitsstellen auch außerhalb der Einrichtung, Talentförderung in Kreativwerkstätten, eigene Bands mit Auftritten, Freizeitprogramm, Offene Hilfen zur zeitweisen Betreuung – die Behindertenhilfe bietet ein großes Spektrum an Unterstützung. Immer sind der persönliche Bedarf und die Beteiligung wichtig. So gibt es beispielsweise Werkstatträte, die die Interessen der dort beschäftigten Kolleginnen und Kollegen vertreten.

Schon die Umsetzung der 2006 beschlossenen UN-Behindertenrechtskonvention zielte auf die stärkere Personenzentrierung. Das Leben im Ort in gemeindeorientierten Wohnprojekten hat seitdem Vorrang vor der großen Einrichtung „auf der grünen Wiese“.

Und endlich: Ein wichtiger Meilenstein ist geschafft! Nach über zwei Jahren intensiver Verhandlungen konnte der Landesrahmenvertrag SGB IX für die Regelung der Hilfe für Menschen mit Behinderung in Baden-Württemberg nun von allen Partnern unterschrieben werden. Dieser Rahmenvertrag wurde geschlossen zwischen den Stadt- und Landkreisen, den kommunalen Spitzenverbänden – Städtetag und Landkreistag in Baden-Württemberg, dem Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) – auf der einen Seite, den Verbänden der Liga der freien Wohlfahrtspflege in Baden-Württemberg auf der anderen Seite. Der Landesrahmenvertrag ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Menschen mit Behinderung in allen Teilen Baden-Württembergs vergleichbare Unterstützung erhalten.

Das Bundesteilhabegesetz (BTHG) stellt die Hilfe für Menschen mit Behinderungen grundsätzlich neu auf : Die Eingliederung wurde aus dem Fürsorgesystem herausgenommen, betroffene Menschen erhalten mehr Selbstbestimmung über ihre ganz individuelle Unterstützung. Mit der Stärkung der Rechtsposition von Menschen mit Behinderung geht immer auch der Bedarf einher, diese in der Wahrnehmung und Durchsetzung ihrer Rechte zu unterstützen. Dafür bekommen die Betroffenen Seminare, Schulungen und Trainings, damit sie ihre neuen Möglichkeiten und Verantwortungen gut wahrnehmen können. Die Interessenvertretung der Menschen mit Behinderungen in Baden-Württemberg hat die Verhandlungen und das Verhandlungsergebnis wesentlich mit geprägt.

Das BTHG lässt den Verwaltungsaufwand für alle Beteiligten enorm steigen, andererseits bietet es jetzt die Chance, individuelle Leistungen zu entwickeln und damit die Teilhabemöglichkeiten von Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung zu verbessern.

Doch trotz UN-Behindertenkonvention und gesellschaftlichem Inklusionsparadigma müssen die Dienste und Einrichtungen der Behindertenhilfe und Psychiatrie während der Corona-Pandemie mehr um ihre Absicherung kämpfen als andere soziale Bereiche – auf die Corona-Pflegeprämie haben die Mitarbeitenden der Behindertenhilfe auch keinen Anspruch.

Bei Schutzschirmen und anderen Anerkennungsgesten wurde die Behindertenhilfe von Bundes- und Landespolitik oftmals vergessen. Auch die Bemühungen, die seit Beginn der Pandemie entstandenen Mehrkosten erstattet zu bekommen, brauchen einen langen Atem. Nach aktueller Berechnung belaufen sich diese Mehrkosten, bezogen beispielsweise auf die gesamte Diakonie Stetten, zum Jahresende 2020 auf mehr als 8 Millionen Euro. Im Gegensatz zur Altenhilfe, die ihre Mehrkosten unbürokratisch erstattet bekommt, gibt es in der Eingliederungshilfe keine entsprechenden Regelungen zur Kostenerstattung. Dazu kommen erhebliche Einnahmeeinbußen, unter anderem weil Produktionsaufträge von Firmen in den zeitweise geschlossenen Werkstätten nicht bearbeitet und freie Wohnplätze in den Wohneinrichtungen nicht gleich wieder belegt werden konnten.

Die Corona-Pandemie gefährdet auch das von der Politik gewünschte Vorantreiben der Inklusion. Ausgangsbeschränkungen haben viele Projekte der Begegnung und Aktivitäten von Menschen mit und ohne Behinderung ausgebremst. Gerade deshalb ist es wichtig, die freien Träger in dieser Arbeit zu fördern.

In Baden-Württemberg leben 9% der Menschen mit einer Schwerbehinderung.
[Am 14. März 2021]

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